Selbstführung

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5 min

Mein Zwerchfell – das kompetente Sturmwarnsystem

Ein ruhiger Morgen am See, ein angespanntes Zwerchfell und die Frage, was unser Körper uns eigentlich sagen will. Wie körperliche Signale zu wertvollen Erinnerungshilfen werden können – ähnlich wie die Sturmwarnungen auf dem Wasser. Eine persönliche Reflexion über Selbstführung, Beobachtung und die Fähigkeit, rechtzeitig innezuhalten.

See

Ein Morgen am See

Ich wache auf, öffne meine Augen und sehe diese wunderschöne rötliche Kulisse. Der See liegt ruhig da, als ob er selbst noch nicht ganz aufgewacht ist. Ich löse mich langsam von diesem morgendlichen Schauspiel und wende mich meinem Körper zu.

Mit meinen 49 Jahren fühlt sich nicht jeder Morgen frisch und nach Aufbruch an. Es ist wieder einmal so ein Morgen, an dem ich mein chronisch angespanntes Zwerchfell spüre. Eine Enge im Bauchraum. Nicht dramatisch, aber unangenehm genug, um meine Geduld etwas zu verkürzen – mit mir selbst und manchmal auch mit der Welt.

Ich mache meine Atem- und Entspannungsübungen. Es löst sich ein wenig. Der Kaffee in der Morgensonne hilft ungefähr gleich viel. Danach gehe ich mit dem Hund spazieren, bevor ich mich aufmache zu einem Workshop über Selbstführung, den ich heute geben darf.

Beobachten statt reagieren

Im Workshop werden wir auch über Awareness sprechen. Darüber, wie wichtig es ist, eine Beobachtungskompetenz zu entwickeln. Dass wir lernen, unsere Gedanken, unsere Emotionen und unsere körperlichen Zustände zu beobachten. Dass wir uns eine Art Feldforscherbrille aufsetzen und innerlich vielleicht mit einem einfachen Satz beginnen:

«Ah, interessant.»

Ist es nicht spannend, dass ich in meiner beruflichen Rolle meistens recht gut darin bin, genau diesen Beobachter zu aktivieren? Ich kann schauen, was ich brauche, wie ich mich unterstützen kann, welche inneren Seiten gerade aktiv sind und wie ich meine inneren Dialoge möglichst wertschätzend gestalte.

Im privaten Kontext gelingt es mir manchmal weniger, diese Position von Distanz und Freundlichkeit einzunehmen.

Zum Glück habe ich wertvolle Erinnerungshilfen.

Meine Frau fragt mich in solchen Situationen jeweils: «Was würdest du dir sagen, wenn du dein eigener Klient wärst?»

Eine sehr gute Frage.

Ich würde wahrscheinlich zuerst sagen: Ich darf beobachten. Einfach beobachten. Ohne zu werten und möglichst aus einer stabilen inneren Position heraus.

Wo genau sitzt die Spannung?
Wie fühlt sie sich an?
Was löst sie gedanklich und emotional in mir aus?

Dann würde ich mich fragen: Wie bin ich gerade mit mir selbst?

Abwertend?
Negativ?
Ungeduldig?

«Ah, interessant.»

Mit meinen Klienten wäre ich sehr wertschätzend, einfühlsam und neugierig. Warum also nicht auch mit mir selbst?

Ich würde auch meine inneren Dialoge anschauen. Welche Sätze laufen gerade automatisch in mir ab? Atme ich über den Tag verteilt bewusst tief ein? Nutze ich meine 4–6-Atemtechnik immer wieder zwischen zwei Terminen? Bin ich dankbar für Dinge? Freue ich mich auf etwas?

Und ich würde mir eine weitere Frage stellen: Mit welcher Seite von mir bin ich gerade unterwegs? Und welche Seite könnte mich in diesem Spannungszustand unterstützen?

Mein Zwerchfell ist nicht gegen mich. Im Gegenteil. Es ist ein kompetentes Rückmeldesystem.

Mein Zwerchfell als Sturmwarnsystem

Ich wohne hier am See und beobachte bei stürmischem Wetter immer wieder die blinkenden Sturmwarnungen auf dem Wasser. Wenn sie aufleuchten, kommunizieren sie ganz klar: Achtung, der See wird unruhig. Es wäre klug, langsam zurück in den Hafen zu fahren.

Die Sturmwarnung ist also kein Feind. Sie ist eine Erinnerungshilfe. Sie hilft den Schiffen, rechtzeitig Sicherheit zu suchen.

Und genau so funktioniert mein Zwerchfell.

Wenn es sich anspannt, sagt es mir im Grunde: «Hey, ich brauche etwas von dir.»

Vielleicht eine Pause.
Vielleicht etwas Distanz.
Vielleicht Bewegung oder frische Luft.
Oder einfach öfter die Frage: Was tut mir gerade gut?

Alain am See

Eine Seite in mir ist sehr ambitioniert und leistungsorientiert. Sie hat mir vieles ermöglicht. Aber genau diese Seite spannt mein Zwerchfell auch immer wieder an.

Die spannende Frage ist deshalb: Welche andere Seite darf ich in solchen Momenten integrieren? Eine Seite, die sagt: Du darfst auch loslassen. Du darfst geniessen. Du darfst einfach einen Moment aus dem Fenster schauen und den See beobachten.

«Mein Zwerchfell ist nicht gegen mich. Im Gegenteil. Es ist ein kompetentes Rückmeldesystem.»

Mit der Zeit wird mein Zwerchfell wieder weicher. Ich kann wieder tiefer und entspannter atmen und spüre, wie meine Energie zurückkommt.

Selbstführung ist meine Passion. Mehr als ein Job. Aber sie garantiert mir nicht, dass mein Zwerchfell und mein Körper immer in Balance sind. Schon gar nicht, wenn eine Seite in mir immer wieder antreibt und mehr will.

Ich darf auch auf diese Seite stolz sein.

Gleichzeitig darf ich an jener Seite arbeiten, die sicherstellt, dass ich zu mir schaue, Pausen einlege und mir immer wieder erlaube, kurz innezuhalten.

Vielleicht reicht es manchmal, einfach einen Moment am Fenster zu stehen, auf den See zu schauen und dankbar zu sein für diese Sicht auf das Wasser und die Berge. Und wenn ich den Blick etwas nach links schweifen lasse, sehe ich die Sturmwarnung auf dem See. Ich weiss dann, dass auch ich ein solches kompetentes Sturmwarnsystem in mir trage: mein Zwerchfell.

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Kontakt

Hast du Fragen? Wir haben die Antworten. Für alles Weitere erreichst du uns per E-Mail unter beratung@alainmeyer.ch

Alain Meyer
M.Sc. Sportpsychologie
MAS Coaching

Bahnhofstrasse 7 2502 Biel
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