Selbstführung
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6 min
Auf dem Fussballplatz – und in der Welt der Träume
Eine Reise zurück in meine kindliche Fantasie, auf staubige Fussballplätze und in grosse Träume. Zwischen Vorbildern, Adrenalin und ersten Rollen erzähle ich, wie meine Träume leiser wurden – und was geschieht, wenn wir unser früheres Ich wieder an die Hand nehmen. Eine Geschichte über Vertrauen, Echtheit und die Kraft innerer Bilder, die uns auch als Erwachsene tragen.
In meiner Traumwelt
Sich vorzustellen, wer wir sind – als Kinder war das so einfach. Heute bin ich Michel Platini. Ich ziehe mir das blaue Trikot mit dem goldenen Hahn über, lege mir den Ball zurecht, spüre das Adrenalin in den Beinen. Ein letzter Blick, dann der Schuss. Sekunden später reisse ich die Arme hoch. Der Jubel explodiert. Meine dunkle Löwenmähne wirbelt durch die Luft. Mein Grossvater jubelt mit mir – er war ein grosser Platini-Fan. Ich spüre diese warme Euphorie in meiner Brust.
Im nächsten Moment bin ich Jean-Marie Pfaff. Seine legendären gelb-schwarzen Reusch-Handschuhe, welche mir etwas zu gross sind, umschliessen meine kurzen Finger. Der Ball kommt. Ich mache meinen Zwischenschritt, hebe ab, fliege durch die Luft. Mit der linken Hand streife ich ihn – gerade noch! Die Menge tobt. Meine Mitspieler sprinten auf mich zu. Mein Name hallt aus den Lautsprechern. Ich bin unbesiegbar. Stark, glücklich und beflügelt.
Und dann – ein plötzlicher Ruck in der Realität.
Sägespäne im Mund, klebend an meinen Frontzähnen. Erde und Matsch, der an meinen roten Adidas-Schuhen klebt. Der Duft von feuchtem Rasen und frischer Erde steigt mir in die Nase. Der Geschmack meiner Kindheit.
«Und dann - ein plötzlicher Ruck in der Realität.»
Ich spucke den Dreck samt Sägespänen aus, blinzle in die Nachmittagssonne. Vor mir steht das Tor, sein Netz notdürftig geflickt mit der Schnur, die mein Grossvater sonst zum Bündeln alter Zeitungen benutzt. Hinter dem Tor die Kuhweide. Der Ball liegt dort und wartet. Ich renne los, höre das Muhen der Kühe, begleitet vom Klingen der Glocken um ihre Hälse. Ich schnappe mir den Ball, sprinte zurück, spüre dabei das Gras, den Boden, die Erde an meinen Schuhen und spiele ihn meinem Freund in die Füsse.
Mein Herz klopft noch immer. Mein Körper ist aufrecht, voller Energie. Ich habe Gänsehaut von dieser Reise in die grossen Stadien meiner Fantasie. Und ich bin bereit für den nächsten Sprung.
Wenn Träume leiser werden
Doch mit der Zeit, werden die Sprünge weniger und das Lächeln zeigt nicht mehr die vollen, weissen Frontzähne. Meine Lippen bedecken die Zähne. Etwas in mir schämt sich, will nicht mit all meinen Imperfektionen sein.
Immer mehr ging es um Leistung und Kontrolle. Ich wollte keine Angriffsfläche bieten. In kleinen Schritten habe ich ihn weggeschickt. Jetzt ist keine Zeit für dich, sagte ich. Jetzt spielen die Erwachsenen.
Ich muss jetzt souverän sein als Spitzenfussballer, als Sportpsychologe sowieso. Vorbereitet muss ich sein, keine Fehler, immer «professionell». Als dürfte ich mir keine Unsicherheiten erlauben.
«Jetzt ist keine Zeit für dich. Jetzt spielen die Erwachsenen.»
Ich stelle mir dabei sein Gesicht vor. Wie er reagiert, wie er sich fühlt. Die Frontzähne nicht mehr sichtbar. Der Blick gesenkt. Die Träume verblasst. Einen dumpfen Druck auf der Brust. Er steht am Spielfeldrand. Als ob er nicht mehr dazugehört. Als ob seine Freude, seine Fantasie und seine Leichtigkeit keinen Platz mehr hätten in dieser Welt.
Mit dem Jungen an meiner Seite
39 Jahre später denke ich oft an diesen Jungen zurück. An den Zehnjährigen mit den grossen Frontzähnen, die bei jeder Parade, bei jedem Jubel aufblitzten. Ein Junge, der so tief in seine Fantasie eintauchte, dass er nicht wusste, dass er dabei etwas in sich selbst erschuf.
Er glaubte, dass alles möglich ist. Er kannte keine Unsicherheit, keinen Vergleich, kein Gegenkämpfen.
Mit jedem ausgemalten Jubel, jedem Sprung, jeder Parade aktivierte er Netzwerke in seinem Gehirn. Sein Körper schüttete Hormone aus, die ihm Energie gaben. Er formte unbewusst seine Persönlichkeit, legte den Grundstein für das, was möglich sein würde.
Seit einiger Zeit sehe ich ihn wieder. Auf diesem alten Foto. Ich trage ein blaues T-Shirt mit Bugs Bunny darauf – mein Held neben den grossen Fussballern. Ein Lausbub mit grossen Augen, unbeschwert, voller Träume.
«Träume sind keine naive Spielerei, sondern Orientierung. Ein innerer Nordstern.»
Ich schaue ihn an und frage mich: Was würde ich ihm heute sagen?
Mit 49 Jahren, nach all den Höhen und Tiefen, nach all den Momenten, in denen ich meine Träume zur Seite gelegt habe, um «vernünftig» zu sein – was hätte dieser kleine Junge verdient?
Er hätte es verdient, Sicherheit zu spüren. Zu hören, dass Träume keine naive Spielerei sind, sondern Orientierung. Ein innerer Nordstern. Dass es erlaubt ist, sich etwas auszumalen, das grösser ist als die aktuelle Realität. Dass genau diese inneren Bilder uns tragen, wenn das Leben unruhig wird – durch Verantwortung, Zweifel oder Niederlagen.
Heute weiss ich, dass Vertrauen durch Echtheit entsteht, ganz sicher nicht durch Perfektion.
In den letzten Jahren, besonders als Sportpsychologe, habe ich diesem Jungen wieder Platz gemacht. Dem witzigen, neugierigen, manchmal auch ungeschliffenen Teil in mir. Ich erlaube mir, nicht immer alles im Griff zu haben. Ich zeige mich menschlich. Nah. Nicht perfekt. Manchmal auch verletzlich. Ich will ihn zurückholen. Nicht nur nostalgisch an ihn denken – sondern ihn wieder einladen, mitzuspielen.

Ich nehme ihn an die Hand und hole ihn zurück auf das Spielfeld der Erwachsenen. Dabei lächelt er mich an, fühlt sich sicher. Seine Augen strahlen wieder. Die Frontzähne blitzen auf. Ihm ist es dabei egal, dass sie auch im Erwachsenenalter etwas vorstehen. Er spürt Freude am Menschsein, am Echtsein. Er spürt, dass er Raum hat. Dass er sein darf.
«Hier muss niemand eine Rolle spielen. Hier darf man sein.»
Mit diesem Jungen an meiner Seite fällt es mir leichter, Vertrauen aufzubauen – mit Spitzensportlern, mit Führungskräften, mit Menschen unter Druck. Weil sie spüren: Hier muss niemand eine Rolle spielen. Hier darf man sein. Hier darf man auch zweifeln, lachen, stolpern.
Das fühlt sich stimmig an. Und es fühlt sich gut an.
Ich freue mich aufs 2026, auf all die Begegnungen mit Menschen, immer mit dem Jungen an meiner warmen Hand.


