Selbstführung

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7 min

Der Profi und der Mexikaner – eine Geschichte über das Ganze im Menschen

Ein persönlicher Weg vom dauernden Leistungsstreben hin zu mehr Freude, Genuss und Verbundenheit: Alain entdeckt neben seinem inneren „Profi“ auch den „Mexikaner“ in sich – eine Seite, die Ruhe, Präsenz und Menschlichkeit erlaubt. Eine berührende Geschichte darüber, wie beides zusammen ein erfüllteres Leben ermöglicht.

Ein kleiner Junge und seine Welt

Ich war noch ein kleiner Junge. Irgendwo da draussen, als ich begann, die Welt zu verstehen. Zumindest schon mal ein kleines Stück davon. Wenn ich gute Noten nach Hause brachte, freuten sich die Erwachsenen. Wenn ich freundlich war, mich an die Regeln hielt und Erwartungen erfüllte, wurde ich gesehen und gelobt.

Es wuchs früh eine Seite in mir, die lernte, dass man sich Liebe und Zugehörigkeit verdienen kann. Mit Leistung, mit Disziplin, mit Anpassung. Diese Seite wurde mit den Jahren grösser, stärker und ehrgeiziger. Ich nenne sie heute den Profi.

Der Profi: die Seite in mir, die antreibt

Der Profi war schon früh der Motor meiner Entwicklung. Er begleitete mich durch meine Kindheit. Im Fussball durch die ersten Spiele auf dem Platz, durch Trainings, Wettkämpfe, Auswahlverfahren.

Ich erinnere mich an einen Brief des seeländischen Fussballverbands für ein Sichtungstraining. Damals schon hörte ich den Profi in mir sagen: «Mach mehr, du musst dich besonders anstrengen, du darfst nicht versagen, keine Fehler machen, besser sein als die anderen.»

Auch in der Schule hörte ich auf ihn. Ich wollte mich nicht blamieren, durfte keine Schwäche zeigen, musste mich beweisen.

Als ich dann etwas später den Fussball nicht mehr nur als Spiel sah, als ich davon träumte, Profi zu werden, wurde er immer grösser, nahm immer mehr Platz ein. Er war immer da. Nie abwesend. Nie leise.

Und viele Jahre später, als ich die Stollenschuhe an den Nagel hängte und mein Studium begann, als ich ein Unternehmen gründete, als ich begann, SportlerInnen und Führungskräfte zu begleiten – da wurde er noch grösser und lauter.

«Mach mehr, du musst dich besonders anstrengen, du darfst nicht versagen, keine Fehler machen, besser sein als die anderen.»

Er trieb mich an, hielt mich wach, liess mich nicht zur Ruhe kommen, forderte mich. Er sagte: «Du musst weiterkommen, musst es dir verdienen. Musst der Welt zeigen, was du alles machst und kannst.»

Die Grenzen des Profis

Ohne ihn, wäre ich nie da angekommen, wo ich heute bin.

Ich habe gelernt, dem Profi dankbar zu sein. Er hat meine grösste Wertschätzung verdient. Trotzdem wurde während all der Jahre des Leistens, etwas in mir leer und müde.

Der Profi kann vieles, aber eines nicht: Pausen machen. Stolz auf sich sein, sich immer wieder feiern. Zurücklehnen.

Er kennt keine Stille, keine Distanz. Er kennt keine Weichheit, keine Harmonie. Er kennt keine Ruhe, kein Geniessen. Er denkt, wenn er stillsteht, verliert er, wird nicht angesehen, nicht geliebt.

Zeit und Raum für mich selbst

Viele Jahre später, irgendwo da draussen in der Welt. Dieser kleine Junge war inzwischen ein erwachsener Mann. Er versuchte noch immer, die Welt zu verstehen.

Ich dachte, vielleicht verstehe ich mich und die Welt etwas besser, wenn ich mir Zeit und Raum gebe und allein unterwegs bin. Nur ich und das Leben. Dort, wo es mir am besten gefällt. Am Meer, am Strand, wo es nach Salz riecht.

Ich in meinen Surfshorts. Barfuss im weichen Sand. Die Sonne im Gesicht, das Rauschen der Wellen in den Ohren.

Mexiko war perfekt. Nur ist es dem Leben egal, was für Pläne ich schmiede. Es ist launisch und trifft Entscheidungen aus dem Bauch heraus. Zeit und Raum gab es mir genau zwei Tage. Dann, in einer kleinen Hippie-Bar am Strand, neben einer Schaukel, die mit Seilen am Dach der Bar befestigt war, sah ich sie.

Ein mexikanisches Mädchen. Grosse, runde, dunkle Augen. Schwarzes Haar, Sandalen. Ein schlichtes Tanktop.

Ja, das Leben ist launisch und hatte offensichtlich keine Lust, mir Zeit und Raum zu geben. Stattdessen schenkte es mir etwas ganz anderes. Sie. Meine Frau.

Danke, liebes Leben, dass du dich nicht an meinen Plan gehalten hast. Und vielleicht, liebes Leben, hattest du ja trotzdem einen. Vielleicht hast du gespürt, dass ich etwas brauche. Neue Perspektiven, neue Seiten.

Die ersten Gespräche in dieser Bar und die vielen weiteren. Das Land, die Sprache, die Menschen, die Familie.

Der Mexikaner: die Seite in mir, die loslässt

All das hat mir gezeigt, dass nicht immer die erste Frage sich um Status, Job und Ziele drehen muss. Es kann auch präsenter, leichter und persönlicher sein. Ich habe entdeckt, dass es okay ist, einfach zu sein, Begegnungen zu geniessen, keinen nächsten Plan zu haben.

«Du darfst sein, durchatmen, du musst nichts beweisen, um wertvoll zu sein.»

Natürlich sind die Menschen in Mexiko auch ambitioniert, sie arbeiten hart, haben Erfolg und erreichen Ziele. Aber sie tanzen auch, sie atmen, sie sind herzlich, schauen sich in die Augen.

Es wuchs ein Gefühl in mir, dass nicht nur der Profi auf dem Spielfeld meines Lebens das Zepter in die Hand nehmen muss. Es geht um ein Zusammenspiel, ein Wechselspiel. Einem Tanz. Ich spürte, dass es Zeit wird, einer anderen Seite Platz zu geben.

Ich nenne diese Seite den Mexikaner. Der Mexikaner sagt: «Hey, du bist okay, wie du bist, geniess das Leben.» Er fragt nicht nach dem nächsten Ziel. Er sitzt in der Sonne, er atmet, er entspannt, er lässt los, er liebt. Einfach so. Er sagt: «Du darfst sein, durchatmen, du musst nichts beweisen, um wertvoll zu sein.»

Der Tanz zwischen Profi und Mexikaner

Zuerst wusste der Profi nicht, wie ihm geschah. Es war, als ob ein Stammspieler im Fussball plötzlich merkt, dass da jemand auf dem Feld steht, der anders, vielleicht besser spielt. Der nicht nur kämpft, sondern auch vertraut. Der Profi fühlte sich durch diese neue Seite bedroht. Fast so, als müsste er um seinen Platz fürchten.

Mitten in diesem Prozess begriff ich: Es geht nicht darum, den Profi zu ersetzen. Sondern ihm einen wertvollen Partner zur Seite zu stellen. Je mehr ich den Mexikaner kennenlernte – in Gesprächen mit meiner Frau, in ihrer achtsamen und dankbaren Art, die Welt zu sehen – desto mehr verstand ich: Ich muss nicht immer leisten, um geliebt zu werden. Ich darf einfach sein. Ich darf mich zeigen. Auch mit Tränen, mit Unsicherheit, mit Zweifel. Und ich glaube, der Mexikaner bringt mir etwas bei, das ich früher nicht kannte oder nicht zuliess – Verletzlichkeit.

Der Prozess ist noch lange nicht abgeschlossen. Aber ich bin unterwegs. Das ist genug.

«Es geht nicht darum, den Profi zu ersetzen. Sondern ihm einen wertvollen Partner zur Seite zu stellen.»

Seit einiger Zeit bin ich dabei, in diesem Prozess den Mexikaner überall mitzunehmen. Früher liess ich ihn zuhause, wenn ich zur Arbeit ging. Heute freut er sich, mich in meinem Leben ständig zu begleiten. In Coachings, in Workshops, in Gesprächen, im Alltag. Er ist eine Seite in mir, welche wertvoll geworden ist. Seit ich ihm Raum gebe, geht es mir besser. Ich habe mir dabei die Erlaubnis gegeben, nicht perfekt sein zu müssen. Verletzlich zu sein. Emotional zu sein. Echt zu sein.

Ich erinnere mich an einen Moment in einer Weiterbildung mit Gunther Schmidt – dem Mann, der mich in den letzten Jahren am meisten geprägt hat.

Er sprach wie immer ruhig und erzählte uns von einem Erlebnis mit einer Patientin. Dann wurde er emotional, die Stimme brach. Er zeigte sich nicht nur als Experte, sondern auch als Mensch.

Ich bin ein erwachsener Mann. Irgendwo da draussen in der Welt. Immer noch versuche ich, die Welt zu verstehen. Nicht mehr allein. Sondern mit meinem Profi und einem Mexikaner an meiner Seite.

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Kontakt

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Alain Meyer
M.Sc. Sportpsychologie
MAS Coaching

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