Mentale Stärke

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5 min

Die Liebe zum Spiel

Ein Sommerabend am See und ein WM-Spiel der französischen Fussballnationalmannschaft werden zum Ausgangspunkt einer persönlichen Reise. Zwischen Erinnerungen an die Weltmeisterschaft 1986, der Freude am Spiel und der Frage nach mentaler Stärke erzählt dieser Blogartikel davon, weshalb es sich lohnt, auch unter Druck die Liebe zum Spiel nicht zu verlieren.

Sommer, See und Erinnerungen

Das grüne, kühle Seewasser spült die Hitze des Tages weg. Mein Körper fühlt sich leicht an in meinem nassen Lieblingselement. Ich trockne mich nicht ab, sondern lasse die Seewassertropfen ihren eigenen Weg über die Haut und langsam in die warme Sommerluft finden.

Erfrischt und erfüllt spaziere ich zurück zum Haus. Es ist Sommer. Weltmeisterschafts-Sommer. Frankreich spielt heute Abend.

Mit Frankreich kommen Erinnerungen auf. Mexiko 1986. Ich sehe mich als kleiner Junge mit dem Tango-Ball in der Hand, den Azteca hatte ich erst nach der WM in meinen Händen gehalten. Lächelnd, unbeschwert und spielerisch. Ich höre meine Mutter lachen. Mein Grossvater schaut sie mit einem warmen Blick an. Ich rieche den Grillduft und spüre den leichten Wind an meinen nackten Beinen.

Ich werde nostalgisch. Ich sehe mich im blauen Frankreich-Trikot. Damals spielten Platini, Blanc, Thuram oder Barthez. Heute heissen sie Mbappé, Olise, Dembélé oder Doué. Die Namen haben sich verändert. Das Gefühl ist geblieben.

Die Liebe zum Spiel. Zum Fussball.

Er begleitet mich, solange ich denken kann. Er ist Beruf geworden und trotzdem Leidenschaft geblieben. Spieler kommen und gehen. Mannschaften verändern sich. Ich selbst werde älter. Wie bei Frankreich gibt es auch in meinem Leben Phasen, die sich leicht und stimmig anfühlen. Und dann gibt es Zeiten, die schwer sind. Zeiten, die ich nicht verstehe und die mich herausfordern.

Es gibt aber eine Konstante. Dieses Gefühl, das bleibt.

Die Geschichten im Vorfeld. Die Vorfreude auf den Anpfiff. Die Freude am Spiel. Die Hoffnung, dass mir der Fussball wieder einmal etwas über das Leben erzählt.

Der Schiedsrichter pfeift das Spiel an. Ich lehne mich zurück, freue mich auf einen schönen Fussballabend und merke schon nach wenigen Minuten, dass dieser Abend anders wird.

Wenn andere versuchen, dich aus deinem Spiel zu bringen

Paraguay verfolgt einen anderen Matchplan. Viele Unterbrüche. Viele Provokationen. Kleine Fouls. Diskussionen. Immer wieder der Versuch, Frankreich aus dem eigenen Rhythmus zu bringen. Aus der Freude und aus dem Spiel.

Mein romantisches Fussballherz leidet. So habe ich mich nicht in den Fussball verliebt.

Wie so oft beobachte ich nicht nur das Spiel. Ich beobachte die Menschen. Die Gesichter. Die Körpersprache. Die Blicke nach den Fouls und Provokationen. Die Kommunikation innerhalb der Mannschaft.

Mich interessiert, was in den Köpfen passiert. Wie gelingt es einem Spieler und einer Mannschaft, bei sich zu bleiben, wenn der Gegner alles dafür tut, sie aus dem Konzept zu bringen?

Die Antwort ist für mich offensichtlich. Frankreich hat nicht nur einen taktischen Plan. Frankreich hat auch einen mentalen Plan. Natürlich lassen sich die Spieler provozieren. Natürlich kochen Emotionen hoch. Das ist menschlich.

Gleichzeitig sehe ich ein Lächeln, eine Hand auf der Schulter und kurze Blickkontakte. Ein Spieler, der den anderen zurückholt. Zurück zur Aufgabe. Zurück zum Team. Zurück zum nächsten Ball. Zurück zur nächsten Aktion.

«Für mich besteht mentale Stärke gar nicht darin, nie aus dem Gleichgewicht zu geraten. Vielmehr besteht sie darin, den Weg zurückzufinden.»

Ich verfolge die französische Nationalmannschaft schon länger auch auf den sozialen Medien. Dort sehe ich keine unnahbaren Superstars. Ich sehe einen Haufen hoch talentierter Fussballer, die sich selbst nicht zu ernst nehmen. Sie tanzen. Sie lachen. Sie machen Witze. Sie geniessen den Moment und wirken manchmal wie eine Gruppe von Freunden auf einer Schulreise.

Deshalb habe ich ein so gutes Gefühl, wenn es um die Tricolore geht. Neben ihrem fussballerischen Wahnsinn ist genau das vielleicht ihre grösste Stärke.

Ihre Fähigkeit, sich die Freude am Spiel zu bewahren.

Je länger ich zuschaue, desto mehr merke ich, dass mich gar nicht das Resultat beschäftigt.

Mich fasziniert eine Haltung.

Die Liebe zum Spiel bewahren

Wie oft verlieren wir im Leben diese Leichtigkeit? Wie oft lassen wir uns von Menschen provozieren, von Schwierigkeiten aus der Ruhe bringen oder von unseren eigenen Gedanken gefangen nehmen?

Für mich besteht mentale Stärke gar nicht darin, nie aus dem Gleichgewicht zu geraten. Vielmehr besteht sie darin, den Weg zurückzufinden. Zurück zu dem, was uns wichtig ist. Zurück zu unseren Werten. Zurück zu unseren Stärken. Zurück zu unserer Freude. Zurück zu dem, was wir lieben.

Nach dem Schlusspfiff gibt es keinen Handschlag. Ein Teil von mir hätte sich das anders gewünscht. Gleichzeitig kann ich Mbappé verstehen. Wenn ein Spiel während neunzig Minuten immer wieder an die Grenze geführt wird, brauchen Emotionen manchmal etwas Zeit.

Ich gehe mit einem guten Gefühl ins Bett. Nicht nur, weil Frankreich gewonnen hat. Sondern weil ich wieder einmal daran erinnert wurde, weshalb ich den Fussball liebe.

Für mich ist er schon lange mehr als ein Spiel. Er inspiriert mich zum Schreiben und hält mir den Spiegel vor. Er erinnert mich daran, wer ich sein möchte, wenn das Leben versucht, mich aus meinem eigenen Spiel zu bringen.

Ich weiss, dass ich morgen Zeit haben werde, über diesen Sommerabend zu schreiben.

Und wer weiss …

Vielleicht, wenn ich Glück habe, werde ich in vierzig Jahren an diesen Sommerabend 2026 zurückdenken.

Etwas müder und langsamer. Vielleicht auch etwas weiser.

Dann werde ich mit einem sanften Lächeln über meine vom Leben gezeichnete Haut streichen und an den kleinen Jungen mit dem Tango-Ball an der Weltmeisterschaft 1986 denken.

An den erwachsenen Mann im Sommer 2026. Der an einem warmen Sommerabend in den See springt und sich vom Wasser tragen lässt. Der danach nach Hause geht, Frankreich schaut und versucht, das Leben ein kleines bisschen besser zu verstehen.

Und vielleicht werde ich erkennen, dass sich gar nicht so viel verändert hat.

Dass der kleine Junge mit dem Tango-Ball nie ganz verschwunden ist. Dass er einfach älter geworden ist und eigentlich nur eines versucht hat:

Die Liebe zum Spiel zu bewahren.

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Alain Meyer
M.Sc. Sportpsychologie
MAS Coaching

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